--10--
«an deiner statt» - Kunst und Politik

«an deiner statt» (2012)

Neunundzwanzig Schweizer Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Generationen, Geschlechter und Sprachen haben eben so viele Nothilfe-Bezügerinnen, Sans-Papiers und abgewiesene Asylbewerber getroffen und mit ihnen Gespräche geführt. Sie haben ihnen ihr Ohr geliehen und geben ihnen eine Stimme. Sie reden «an ihrer statt».

Mit einem Bonus-Text von Sabine Wen-Ching Wang.


Thumbnail Druckausgabe

Die Buchausgabe:
Editions d'en bas / im Buchhandel
ISBN 978-2-8290-0458-2

Bestellen

Texte...

Medienecho...

 

Pressestimmen


Ruth Schweikert

Stella


Sabine! Psst, nicht so laut! Schrei nicht!

Am Dienstag hat er mich angerufen; der Brief lag seit zwei Wochen auf seinem Schreibtisch, aber er war in den Ferien. Man denkt vielleicht, nach fünfeinhalb Jahren spielen zwei zusätzliche Wochen keine Rolle mehr, aber es hätte sein können; ich war so nahe daran, aufzugeben, für immer, meine ich; ich habe manchmal davon geträumt, nachts, wie ich mich verbrenne vor ihren Augen, vor dem Migrationsamt, das hat mir geholfen, diese Vorstellung; zu wissen, ich könnte es tun, die schiere Möglichkeit, ja die Freiheit; das hat mir geholfen, es nicht zu tun. Hey pass auf, Sabine, sonst fällst du hin! Und Hubert, iss deinen Teller leer! Und dann wäschst du die Hände, ok? Sabine ist jetzt schon weiter als er, obwohl sie erst drei wird am 21. Juli, und er ist eben fünf geworden. Aber jetzt, was für eine Erleichterung, jetzt kann ich den Pflegekurs machen, hoffentlich; Hubert! Ich habe ihn Hubert genannt, weil ich nicht wusste, wie ich ihn nennen sollte, und die Leute haben gesagt, Hubert, das ist ein deutscher Name, und so heisst er eben Hubert. Aber kein Mensch hier heisst so, ich kenne keinen.

Ob ich in Dübendorf bleibe und mir dort eine Wohnung suche für mich und die Kinder, zwei Zimmer, nicht nur eines wie die ganzen fünfeinhalb Jahre, oder ob ich zurück soll nach Adliswil - Sabine, was machst du! - das weiss ich noch nicht; wobei, an beiden Orten kenne ich niemanden, niemanden aus dem normalen Leben, aber jetzt darf ich ja bleiben. We have a positive decision, sagte er mir, mein Anwalt, und ich habe geschrieen vor Freude, und dann habe ich geweint wie dieser Tennisspieler da, der Fernseher hilft mir beim Deutschlernen, dieser Schweizer, wie heisst er noch mal? Seither war ich schon zweimal auf dem Spielplatz mit den Kindern, und wenn jemand mich komisch ansieht, dann zeige ich ihm den Brief hier, ich trage ihn bei mir, immer. Hier schau, hier steht es: Stella Oguye und ihre beiden Kinder Hubert und Sabine haben Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Damals haben sie gesagt, ich hätte mir missbräuchlich, das steht im Bericht, ein Kind machen lassen von einem Schweizer. Sabine ist Schweizerin, ihr Vater ist Schweizer, er arbeitet bei der Securitas und zahlt jeden Monat sechshundert Franken Unterhalt für sie. Und er besucht sie so oft er es sich leisten kann, er wohnt in Genf. Wahrscheinlich deswegen, weil er kein Kind wollte. Aber er ist eben schwarz, ein schwarzer Schweizer. Hubert ist schon angemeldet im Kindergarten in Dübendorf, und dann brauche ich einen Krippenplatz für Sabine; vielleicht kann ich später im Altersheim arbeiten, Hubert, musst du Pipi machen?; das würde ich gerne machen, das macht mir nichts aus, nicht so wie dieser Frau, die ich im Heim in Vallorbe kennen gelernt habe, als ich in die Schweiz kam, schwanger. Eigentlich hätte ich in Italien die fünfzigtausend Euro abverdienen müssen, die meine Flucht gekostet hat, in einem Restaurant; dass ich schwanger war, hat mich gerettet, die hatten Angst, sie werden erwischt. Ein Mann hat mich über die Grenze in die Schweiz gebracht. Nein, ich habe zu niemandem in Nigeria mehr Kontakt; ich bin das vierte Kind der dritten Frau meines Vaters, das ist ein anderes Zusammenleben, meine Kindheit war hart, dein Leben hat keine Bedeutung, du bist eine von vielen; zwei Geschwister sind früh gestorben, als Babys. Wir haben von dem gelebt, was wir angepflanzt hatten, und als ich mit der Schule fertig war, habe ich den Frauen aus dem Dorf kunstvolle Frisuren gemacht. Als ich schwanger wurde von einem christlichen Mann, da haben mich beide Familien verjagt. Meine Eltern und die Eltern meines Freundes.

Diese Frau aus dem Heim in Vallorbe, sie hatte Glück und bekam Asyl, aber sie hat den Kurs abgebrochen, sie hat gesagt, in der Pflege zu arbeiten ist dasselbe wie sich zuhause um die Kinder zu kümmern, da kann ich gleich bei meinen Kindern bleiben, und ich sagte, ja, es ist dasselbe, aber plus Tod. Ich mag alte Menschen; ich hoffe, sie lassen mich arbeiten im Altersheim, ich hoffe, sie haben keine Angst vor mir. Ich stelle mir das schön vor, spazieren gehen mit ihnen, das Essen eingeben, sie füttern, alles, auch den Hintern abwischen. Ich muss besser deutsch lernen; mit Hubert und Sabine spreche ich englisch, hätte ich ihnen Haussa beibringen sollen? In Nigeria war der ganze Unterricht in Englisch; am liebsten mochte ich Social Studies. Ruhig ist es hier, was für hübsche Häuser! Sabine schnappt alles auf, sie singt alle Lieder nach, die Hubert aus der Krippe bringt, er geht zwei Tage pro Woche, er ist zurück in seiner Entwicklung, alle meine Entlein, schwimmen auf dem See, schwimmen auf dem See, Köpfe ins das Wasser, Schwänzlein in die Höh’; als ich geweint habe am Dienstag, hat sie Hubert erklärt, dass ich weine aus Freude, vor Erleichterung; wenn ich erst eine Wohnung und eine Arbeit habe, wenn die Kinder versorgt sind, wenn ich endlich Geld verdienen darf, dann ist alles gut.


Stella Oguye, 29, lebt mit ihren beiden Kindern Hubert und Sabine in einem Zimmer am Rand von Dübendorf.
Ruth Schweikert, 47, lebt mit Mann und drei Kindern in einer Sechseinhalbzimmerwohnung mitten in der Stadt Zürich


->Diesen Text als RTF-Dokument herunterladen



Pressestimmen


Alle Texte als ZIP-Archiv herunterladen




© https://kunst-und-politik.ch/  |  Impressum  |  Zum Seitenanfang